Sakina Teyna

„Als ich vor 14 Jahren meine Heimat verlassen musste, konnte ich nicht viel Gepäck mitnehmen. Das, was ich in meinem Herzen mitnehmen konnte, war meine Leidenschaft für die Musik, meine Stimme, meine verbotene Sprache und die Geschichten der Menschen, insbesondere die der Frau. In meiner Wahlheimat Wien begegnete ich vielen Menschen mit unterschiedlichen Geschichten, die uns verbunden haben. Hierzu zählen auch die tollen Sängerinnen von ,Wiener Stimmen‘. Der Musikverein und die Brunnenpassage stellen uns mit dieser Veranstaltung Brücken zur Verfügung, die uns mit einer Welt verbinden, in der verschiedene Sprachen, vielfältige Musikformen und Klänge Platz finden. Mit diesen Brücken wird Wien umso schöner. Wie schön, ein Teil dieser Brücke zu sein.“

MUSIKALISCHER SPRACHENREICHTUM

„In unserer Familie gab es immer eine Art Geheimnis. Als Kind spürt man so etwas, es entstehen Fragen in deinem Kopf, auf die du aber keine Antworten bekommst. Wenn ich mit meinen Geschwistern zum Beispiel in einen Raum kam, in dem meine Eltern Radio hörten, drehten sie es sofort ab. Heute weiß ich, dass sie nicht wollten, dass wir kurdische Musik hören. Es war eine Gefahr, über die uns niemand etwas erzählte und die vor uns versteckt wurde.“ So erinnert sich die Sängerin Sakina Teyna an ihre Kindheit in der Kleinstadt Varto, wo sie in einer kurdisch-alevitischen Familie aufwuchs. Die in Wien lebende Sängerin, die in herausragender Weise die unterschiedlichen Musiktraditionen Anatoliens verkörpert, ist heute fixer Bestandteil der kurdischen Musikszene. In ihrer Kindheit und Jugend war die kurdische Musik aber aufgrund der intensiven Assimilationspolitik und des Sprachverbots absolut tabu.

In ihrer Familie wurde regelmäßig gemeinsam musiziert und gesungen, aber immer auf Türkisch. Erst während ihrer Unizeit kam Sakina Teyna mit der kurdischen Musik in Berührung, als sie 1991 begann, im Mesopotamischen Kulturzentrum in Istanbul als Vokalistin mitzuwirken. Dort entdeckte sie auch die Dengbej-Tradition und war unglaublich fasziniert und inspiriert davon. Dengbej ist der wichtigste Teil der kurdischen Musikkultur. Dieser poetische, kunstvolle Stil von Lyrik und Rhythmus war auf einzigartige Weise geeignet, die kurdische Sprache und Kultur bis heute zu bewahren. Viele Melodien, die in dieser Tradition gesungen werden, stammen ursprünglich von Frauen, die diese Lieder aufgrund religiöser oder anderer konservativer Gründe nur heimlich und hinter verschlossenen Türen singen konnten. „Ich habe mich immer gefragt, woher diese Frauen ihre Kraft genommen haben“, so Sakina Teyna. „Meryem Xan zum Beispiel. Sie wurde Anfang des 20. Jahrhunderts geboren und hatte keine Möglichkeit, eine Schule zu besuchen. Um einer Zwangsheirat zu entgehen, flüchtete sie aus ihrem kleinen Dorf, nicht wissend, was sie erwartet, aber sie folgte ihren Träumen. In diesem Sinne haben mich diese Frauen persönlich wie auch künstlerisch sehr inspiriert.“

Analog zu vielen anderen kurdischen Künstlern und Künstlerinnen konnte Sakina Teyna an einem bestimmten Punkt ihre Musik nur mehr in der Illegalität ausüben – ihr künstlerisches Schaffen pausierte für längere Zeit. Erst als sie 2006 als politischer Flüchtling nach Österreich kam, fing sie allmählich wieder an, Musik zu machen. 2011 gründete sie zusammen mit der Pianistin Nazê Îşxan und der Violinistin Nurê Dilovanî das „Trio Mara“, das in seinen Arrangements traditionelle kurdische Musikstücke mit modernen Formaten in Verbindung setzt. Die Gruppe, die für ihre CD „Deri – Behind the Doors“ in Kurdistan und in der Türkei äußerst positive Kritiken erhielt, gehörte in den Jahren 2015 und 2016 dem Katalog des „NRW KULTURSekretariat“ an und gab in vielen Städten Nordrhein-Westfalens Konzerte. Für Sakina Teyna hat das Trio eine sehr große Bedeutung. „Ich wollte schon immer gemeinsam mit Frauen Lieder von Frauen aufführen. Meine Kolleginnen kommen aus Armenien, und deren Eltern und Großeltern waren Dengbej. Dadurch konnten sie viel Wissen darüber sammeln, gleichzeitig haben sie aber auch klassische westliche Musik gelernt. All diese Einflüsse bringen sie in unsere Stücke ein.“ Mit „Sakina and Friends“ hat sie 2015 ein weiteres erfolgreiches Projekt gestartet und eine erlesene Band um sich versammelt, bestehend aus dem persischen Jazz-Gitarristen Mahan Mirarab, dem türkischen Geiger Efe Turumtay, dem Klarinettisten Oscar Antoli und dem Perkussionisten Jörg Mikula.

In ihren künstlerischen Aktivitäten setzt sich Sakina Teyna wesentlich für Frauen- und Menschenrechte ein. Mit ihrer Musik möchte sie den Reichtum der verschiedenen Kulturen und Sprachen erfahrbar machen. Die Vielsprachigkeit ist ihr dabei sehr wichtig. Bewusst singt sie auf der Bühne nicht nur auf Kurdisch, sondern auch auf Türkisch, Armenisch, Farsi oder Arabisch. Wenn sie am 4. Juni 2022 im Rahmen des Konzerts Wiener Stimmen als eine von sechs Sängerinnen ihre Lieder mit dem Tonkünstler-Orchester Niederösterreich präsentiert, wird sie auf Kurdisch und Türkisch singen. „Ich bin davon überzeugt, dass Musik Grenzen überwinden und viele Türen öffnen kann. Musik bietet die Möglichkeit, Freiräume zu finden, wo Gefühle heilen können.“

Karin Frey
Karin Frey ist als Mitarbeiterin der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien im Programmbereich der Vier Neuen Säle tätig und koordiniert das Projekt „Wiener Stimmen“.

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