Nataša Mirković

„Großartig, bei einem Projekt mitgestalten zu dürfen, wo es um das Wort WIR geht. Das ist schon so selten auf der Welt geworden. WIR sind in der Musik schon lange verbunden. WIR hören auch Verschiedenes. Jetzt freue ich mich darauf, dass WIR UNS kennenlernen. Dass WIR GEMEINSAM in dem wunderschönen Großen Saal des Musikvereins, im Herzen Wiens, MITEINANDER Zeit verbringen. Nur WIR. Außerhalb aller Weltgeschehen und aller Tagesabläufe. Ein Wohnzimmer nur für UNS. Viele Menschen zaubern an diesem Projekt, damit WIR GEMEINSAM diesen schönen Abend feiern können. Taucht mit UNS ein. Ich zähle die Tage bis zum 4. Juni 2022.“

EHRLICHE MUSIK 

„Ich bin wie ein musikalischer Mischling groß geworden. Mein Geschmack hat sich nie ganz entscheiden können“, sagt Nataša Mirković. Groß geworden ist sie in Sarajewo, „an einem Ort, wo die unterschiedlichsten musikalischen Kulturen zu erleben waren. Es ist ein Glück, wenn man sephardische Einflüsse mitbekommt, Einflüsse aus osmanischer Zeit in der Sevdah-Musik aufnehmen kann, dazu etwas aus Mittel- und Westeuropa und die reiche Folklore in Südosteuropa.“

In der Schule gab es Klavierunterricht, daneben hat sie viel gesungen, in Chören und auch in Bands. Die Entscheidung zwischen Klavier und Gesang fiel zu Gunsten „einfach in der Musik zu sein“ aus, und „im Studium habe ich dann verstanden, dass mich besonders die Musikethnologie interessiert. Wenn es den Krieg nicht gegeben hätte, wäre das wohl mein Weg gewesen.“

1991 begann sie in Sarajewo ihr Musikwissenschaftsstudium, 1992 brach der Bosnienkrieg aus. Nataša Mirković kam dann 1994 nach Österreich, wo sie in Graz ihr Studium fortsetzen konnte. Doch der Unterschied war groß: „In Graz war die Musikwissenschaft sehr theoretisch. In Ex-Jugoslawien war das ein richtiges Musikstudium. Wir mussten Partitur lesen, Dirigieren können, Klavierspielen, Chorleitung, Singen, Harmonielehre, Kontrapunkt lernen. Ein bisschen auch aus Langeweile habe ich dann in Graz Gesang zu studieren begonnen.“

Oper, Lied, Oratorium umfasste die Ausbildung, dazu kam noch die Neue Musik. Schon als Studentin sang sie an der Grazer Oper, war kurz an der Volksoper Wien, entschied sich aber für eine freie Laufbahn, was nicht immer leicht war: „Meine erste Platte war ,Kassandra – Laments of the Balkans‘ mit dem freien Theater ,dramagraz‘. Es war eine inszenierte Musik-Performance. Ich habe immer auch viel mit Theater zu tun gehabt, und es war total schön. Aber fünfzig Minuten lamentierende Gesänge von einer A-cappella-Stimme, das ist nicht für jeden.“

Verschiedenstes folgte, „manchmal in Richtung Popularmusik, manchmal in Richtung Folklore, manchmal klassisch“. Für Angelina Jolies Regie-Debüt „In the Land of Blood and Honey“ über den Krieg in Ex-Jugoslawien hat sie 2011 den Titelsong gesungen. Ihr jüngstes Projekt heißt „Risplendenti Riversi“ und bringt Alte Musik aus dem Italien des 16. und 17. Jahrhunderts mit südeuropäischer Folklore aus dieser Zeit zusammen. Für ihre CD „En el amor“, die mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet wurde, hat sie 2017 sephardische Gesänge aus Südosteuropa eingespielt. Aber auch Schuberts „Winterreise“ verleiht Nataša Mirković neue Dimensionen, wenn sie den Zyklus gemeinsam mit Matthias Loibner auf der Drehleier interpretiert: „Ich wollte die ,Winterreise‘ von der ganzen Stilistik und dem Schmuck der klassischen Darbietung befreien. Am Ende blieben meine Stimme und die Drehleier, quasi zwei Kontrapunkte, die sich durch die Musik bewegen. Das ist spannend und lebendig, denn ich glaube, dass wir alle sehr akademisch geworden sind, ebenso der Klang und die Erwartungshaltung. Musik, vor allem die Folklore, ist im Grunde sehr ehrlich, offenbart sich präzise im Rhythmus, in der Melodie, auch in den Verzierungen.“

Als sie nach Österreich kam, wollte sie wissen, „wo ich bin“, ging auf die Suche nach traditioneller Volksmusik und erlebte hauptsächlich volkstümliche Schlagermusik im Radio und im Fernsehen. Dann traf sie die Volkslied-Kapazunder Rudolf Pietsch und Gerlinde Haid und hat „fast am Institut für Volksmusikforschung gewohnt“. Die Situation hat sich in den letzten Jahrzehnten verbessert, nachdem der Zweite Weltkrieg viel der ursprünglichen Volksmusik ausradiert hatte: „Österreich ist hier immer noch dabei, sich selbst zu integrieren in der eigenen Kultur.“ Daher animiert sie ihre Studenten im Rahmen ihrer Gesangprofessur am Institut für Popularmusik der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, in der Muttersprache zu singen, „weil die Musik dann eine ganz andere Ehrlichkeit bekommt. Wenn den Menschen die eigene Integration fehlt, haben sie auch Ängste vor anderen Kulturen“, sagt sie, sieht das Land aber auf einem gute Weg, „wenn auch Österreich im Vergleich zu Resteuropa noch etwas schüchtern gegenüber Musik fremder Kulturen ist. Daher finde ich es so toll, dass der Musikverein in Zusammenarbeit mit der Brunnenpassage die Türen aufmacht für interkulturelle Kommunikation und Austausch, akzeptiert, was es hier alles gibt, und auf dieser Basis weitergeht und aufbaut!“

Stefan Musil
Mag. Stefan Musil ist freier Kulturjournalist und Dramaturg in Wien.

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