Golnar Shahyar

„Man kann sich nur vorstellen, wie hoch die Erwartungen an ein Haus wie den Musikverein sind. Das macht ein Konzert wie ,Wiener Stimmen‘ zu einem Akt des Mutes. Es ist aber auch ein Akt der Klugheit, da die Wiener Musikszene so viel zu bieten hat und es einfach ein Verlust wäre, diesen Schatz nicht in ein Musikhaus einzubringen, das selbst nicht weniger als ein Schatz ist. Es ist auch ein Akt der Verantwortung, ein Haus, das ,der Musik gehört‘, für alle Menschen in der Stadt einladend zu gestalten. Es ist auch ein Akt der Anerkennung des großen musikalischen Potenzials, das wir erreichen können, wenn wir Risiken eingehen und uns auf Dinge einlassen, die außerhalb unserer Komfortzone liegen. Möge dies der Beginn eines Prozesses sein, der uns als Musikgemeinschaft zusammenbringt – auf Augenhöhe – um herauszufinden, wie unsere ,Musik der Zukunft‘ klingt. Es ist mir eine absolute Freude und Ehre, Teil dieses Prozesses zu sein.“

WAS DAS IST: EINE MENSCHLICHE STIMME

Es gibt diesen magischen Moment. Diese tiefgreifende Erfahrung, die alles verändern kann – wenn man „plötzlich inne“ wird, „was das ist: Eine menschliche Stimme“. Ingeborg Bachmann hat sie beschrieben, wie nur eine Dichterin sie beschreiben kann. „Auf diesem dunkelnden Stern, den wir bewohnen, am Verstummen, im Zurückweichen vor zunehmendem Wahnsinn, beim Räumen von Herzländern …“ – was alles kann sie da aufrühren und bewegen: eine menschliche Stimme. „Es ist Zeit“, so Bachmann, „dieser Stimme wieder Achtung zu erweisen, ihr unsere Worte, unsere Töne zu übertragen, ihr zu ermöglichen, zu den Wartenden und zu den Abgewandten zu kommen mit der schönsten Bemühung …“ Golnar Shahyar wurde an einem Ort geboren, der weit entfernt liegt vom Herkunftsland der Ingeborg Bachmann. Heute ist sie Teil der „Wiener Stimmen“: eine Künstlerin, die intensiv aus dem und für das lebt, wovon Ingeborg Bachmann spricht. Was das ist: eine menschliche Stimme.

Die Stadt, in der sie aufwuchs, war übervoll mit Stimmen: Teheran, ein wildes Stimmengeflecht. „Ich erinnere mich sehr gut an das Chaos, deswegen fühle ich manchmal eine gewisse Vertrautheit mit dem Chaos.“ Und: „Alle meine Gefühle habe ich dort zum ersten Mal erfahren.“ Doch welche Stimme konnte sie diesen Gefühlen geben? Angebote, Anregungen dazu gab es viele: Gemäß dem Bildungskanon der iranischen Mittelschicht lernte sie früh Klavier, wurde so auch mit klassisch europäischem Repertoire vertraut, spielte Schubert und Chopin, „und in meiner Familie“, erzählt sie, „wurde von Mutter-Seite viel gesungen …“ Dass diese Sphäre tiefe Bedeutung für sie haben werde, spürte sie früh. Aber genauso klar spürte sie auch, dass die Muster und Modelle, die ihr dafür gezeigt wurden, nicht ihrem innersten Wesen entsprachen. Frauen als professionelle Musikerinnen – in einem Land, das gerade eine Revolution und acht Jahre Krieg hinter sich hatte, gab es kaum Ermutigung für einen solchen Weg. Und überhaupt: Einer Rolle zu entsprechen, ein Fach zu wählen, das war nicht vereinbar mit dem, was die Musik in ihr wollte.

So studierte sie erst einmal Biologie – in Kanada, wohin die Familie gezogen war, als sie 16 Jahre alt war. Hier geschah es aber auch, dass die Tür aufgestoßen wurde. „Sich frei zu fühlen durch Improvisation habe ich in Toronto entdeckt.“ Dort fand sie den Mut, ihren eigenen Weg zur Musik zu suchen. Nachdem sie in Toronto ihren Bachelor in Biologie gemacht hatte, zog Golnar Shahyar 2008 nach Wien. In der Musikstadt wurde ihr nochmals und entschieden klar, dass sie ihre Stimme, ihre ganze, große Begabung, nicht in einem „Fach“ unterbringen konnte, auch nicht im Fach der klassischen Musik. „Ich kann mich selbst in diesem Raum nicht wiederfinden“, sagt sie heute, „er war zu definiert und zu wenig relevant für das, was ich durch Musik kommunizieren wollte.“
In Wien traf sie auf Lehrende, auf Mentorinnen, Kolleginnen und Kollegen, die zur Quelle von Inspiration dafür wurden, sich auf den Weg zu machen und den eigenen Raum und Ausdruck zu finden. „Die wahre Schule ist draußen, wenn du musizierst“, sagte ihre Lehrerin Elfi Aichinger an der Musikuniversität. Ein Satz, der sie tief berührte. „Ich habe mein Studium an der mdw begonnen und parallel dazu meine ersten Bands und Projekte gegründet.“

Heute ist Golnar Shahyar Sängerin, Pianistin, Bandleaderin, Komponistin, Arrangeurin, Texterin, Performerin, Aktivistin – sie auf Funktionen festzulegen wäre genauso verfehlt, wie ihren Stil definieren zu wollen. Ihre musikalische Muttersprache stammt aus Westasien, einer Region, die reich an musikalischen, die Vielfalt widerspiegelnden Ausdrucksformen ist. Sie fand ihre Heimat aber auch in zeitgenössischen Musikformen des Jazz, der experimentellen Musik, der europäischen Kammermusik, des Songwritings und vielem mehr. Golnar Shahyar bezeichnet sich selbst als „Improvisatorin, Forscherin oder vielmehr als Begeisterte von verschiedenen Formen des musikalischen Geschichtenerzählens“. Vor allem aber sieht sie sich als Vermittlerin von Vertrauen, Empathie und Mut durch ihre Musik. „Musikerin zu sein ist ein Lebensstil und eine Philosophie. Ich lebe, was ich tue, und ich tue, was ich lebe.“

Dass sie sich mit dieser Musik-Lebens-Philosophie nun auch im Projekt „Wiener Stimmen“ wiederfindet, erfüllt sie mit Freude. Natürlich sei es fantastisch, sagt sie, „in diesem wunderschönen Saal auftreten zu können“ und hier eigene Lieder, die sie übrigens selbst schon auskomponiert und arrangiert mitbringt, „mit einem tollen Orchester“ aufzuführen. „Was mich an den ,Wiener Stimmen‘ aber am meisten freut, ist der längst fällige Dialog zwischen Welten, die die Musik als eine der genialsten Ausdrucksformen schätzen, sich aber bisher nur selten begegnet sind, um ihre Visionen zu teilen. Es ist der Wunsch zu lernen, zu riskieren und sich neue Möglichkeiten vorzustellen, der mich an diesem Projekt am meisten reizt. Und es ist die Hoffnung, dass in uns allen etwas Neues wächst, das zu den bezauberndsten Melodien voller Vertrauen erblüht. So wünsche ich mir diesen Raum, um unsere menschliche Stimme zu finden!“

Joachim Reiber

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